ZUR GESCHICHTE DES FERSENTALES

Man weiB noch nicht genau, wann das Tal besiedelt wurde und woher die Siedler kamen. Sebr wahrscheinlich waren die ersten Siedier Bauern, welche von den Herren von Caldonazzo und vom Trienter Domkapitel in ibre Besitzungen im Tal geschickt worden waren, um Rodungsarbeiten durchzufuhren und so Land zum Getreideanhau zu gewinnen. Bis zum 1 3.Jabrbundert war das Tal noch nicht standig bewohnt. Es wurde zeitweise von Bauern, Holzfallern, Koblern und Hirten aufgesucht, die den Wald und die Welden nutzen woliten. Nachdem 1270 das Gericht Pergine in den Besitz der Grafen von Tirol ubergegangen war, kam es in dem nun schon standig bewoUnten Tal zu haufigen Streitigkeiten um Besitzrechte. Im Laufe der Jabre gelang es den Graten von Tirol, das Trienter Domkapitel zum Verzicht auf seinen Besitz am Florutzer Berg zu bewegen und auch den Palaier Berg, der zuerst den Herren von Caldonazzo gehort hette, an sich zu bringen. ln der Folge besiedelten die Herren von Schenna, die Hauptleute von Pergine waren, das Fersental mit meist aus dem bayrischen und boLmischen Raum stammenden Deutschen. Gegen das Jabr 1400 entstanden die ersten Gemeinden. Am grol3ten war Florutz, das damals mebr als drellSig Hofe zàhite. Nachdem im Tal reiche Kupfer-, Eisen- und Silbervorkommen entUeckt worden waren, wurde der landwirtschaftlichen Nutzung nur mebr geringe Beachtung geschenkt. und im Laufe des 1 5.Jabrbunderts kam es zu einem regen ZufluB von Bergknappen. Diese stammten aus veschiedenen Gebieten Mitteleuropas. wo der Bergbau besondere FortscUritte gemacht hatte. Die Bergknappen, die lange Zeit blieben, verschmolzen zwar nicht mit der einheimischen Bevaikerung, ubten jedoch einen starken EinfluB auf die Phantasie der Menschen im Tal aus. Es entstand eine Reihe von Sagen, in denen sich die Hoffnung ausdruckt, dal3 man dereinst reichlich Gold und Silber im Tal finden wird und dal3 sich die Talbewohner aus ihrer bitteren Armut werden erheben konnen. Im Unterteil von Palai findet man noch ein "Knopn" genanntes Geboft. Es wurde einst von Bergknappen bewohnt, die diese Stelle gewahit hatten, um bequem die zahireichen Bergstollen am gegenuberliegenden Hang erreichen zu konnen. Zu Beginn des  6.Jabrhunderts waren in Palai funf Bergwerke in Betrieb; es wurden vor allem Kupfer, Silber und Gold aUgebaut. Im Gemeindegebiet von Florutz gab es dreizehn Bergwerke, in denen 125 Knappen arbeiteten. Damals hing die Verwaltung und die Seelsorge des Tales von Pergine, Trient und Caldonazzo ab. Es war Brauch, die Leichen der Verstorbenen den langen Winter uber auf dem Dachboden aufzubewabren, um sie dann nach der Schneeschmelze in die bei Pergine gelegenen Friedhofe zu bringen. In der Folge wurden die ersten Kirchen im Tal gebaut und die dazugeborigen Friedhofe angelegt. Um das Jabr 1522 wurde die Kirche St.Magdalena in Palai errichtet. Um die Mitte des ]ó.Jabrbunderts entstanden die Laurentiuskirche in Florutz und die Kirche in S.Orsola. Interessant ist es auch, dal3 alle acUt Kirchen des Tales so gelegen sind, daB man von ibrem Standpunkt aus die Mutterkirche in Pergine sieht. Im Laufe der Jahrbunderte wurden die Erzvorkommen im Tal erschopft, und die Menschen widmeten sich wieder der Landwirtscheft. Die Selbstgenugsamkeit und die Unabhangigkeit der Ta lbewohner schr3nkten die Kontakte zur AuBenwelt sta rk ein und trugen zur Erhaltung der Sprache und des Brauchtums bei. Die Menschen lehten von der Landwirtschaft, von Jagd und Fischerei, und fertigten selUst die notigen Werkzeuge an, wobei sie vorwiegend Holz benutzten. Die Manner suchten allerdings einen Nebenerwerb und waren in den Monaten von November bis April als Wanderh3ndler tatig. Sie wanderten nach Tirol, Bayern, Osterreich und Bohmen und verkauften dort in abgelegenen Ortscheften Gewebe und fur das ba uerliche Le ben notige Gegenstande. Der Wanderbandel hat heute stark abgenommen; Wanderhandier aus dem Fersental sind vor allem noch in Sudtirol unterwegs. Wahrend des ].Welthrieges war das Fersental volistandig militarisiert, da es unmittelbar hinter der Front lag. Nachdem Hitler und Mussolini 1939 das Options-Abkommen getroffen hatten, war die Bevolkerung im Tal intensiver nationalsozialistischer Propaganda ausgesetzt, und viele Talbewohner entschieden sich fur das Deutsche Reich. Insgesamt wanderten 556 Menschen aus: 330 aus Palai, 183 aus Florutz, 9 aus Gereut und 44 aus S.Orsola. Die Optanten verlieBen das Tal  942 und wurden in tschechischen Dorfern bei Budweis angesiedelt. Die Ruckkehr im Jahr  945 gestaltete sich bitter. Der bei der Abreise aufgegebene Besitz war von der Deutschen AbwicklungsTrcuhandgeselischaft (DAT) erworben worden und wurde erst durch das Gesetz Nr.889 vom 3.August 1949 zuruckgegeben. 1929 waren die Gemeinden im Tal zur Gemeinde S.Orsola zusammengeschiossen worden; nach dem 2.Weltkrieg wurden wieder vier Gemeinden gebilUet. Das Bedurfnis nach haufige ren Kontakten zur AuBenwelt fuhrte zu einem teilweisen Ruck gang des Fersentalerischen. Das Tal bewahrt jedoch unver sehrt die ursprungliche Toponomastik; alle Orte und Grund stucke tragen Namen in der Fersentaler Mundart. Das Fersentalerische ist ein deutscher Dialekt. der auch Wor ter aus dem romanischen Diaiekt des Trentino aufgenomme hat. Es entstand im Mittelalter infolge der Einwanderung deut scher Bauern in das Tal und wurde jabrhundertelang lediglich mundiich weitergegeben, da die bauerliche Bevolkerung sebr arm und einfach war und kein Interesse an gescUriebenen Txten hatte. Aus diesem Grund verarmte die Sprache. Ausdrukke gingen verloren, andere wurden aus der italienischen Mund art ubernommen. Heute ist das Fersentalerische noch in Palai. Florutz und Eichleit verbreitet, wahrend es in Gereut nur mehr von einer Minderheit gesprochen wird.